
Düsseldorfer Hefte, 19. Jahrgang, Heft 9, 1. Mai 1974, Michael Triltsch Verlag Düsseldorf
aus Günther Rehbein: Von Galerie zu Galerie, Seite 12-16
...... Man sollte nicht versäumen, in der letztgenannten Galerie (Galerie 6 X auf der Hüttenstraße) eine Reihe eindrucksvoller Reliefs des Düsseldorfer Bildhauers KURT LINK, der bekanntlich den Goldfingerbrunnen am Schadowplatz schuf, zu besichtigen. Man hat diesen schwierigen Künstler in Düsseldorf seit einigen Jahren etwas aus den Augen verloren, während Städte wie Oberhausen, Mülheim-Ruhr, Münster, Kassel, Wiesbaden und andere ihn an ihren öffentlichen Bauten wiederholt zu Worte kommen ließen.
Seine Meisterschaft in der dynamischen Beherrschung großer Flächen zeigt sich vielleicht am schönsten in dem Relief Conzert-gebouw, aber auch andere musikalisch inspirierte Reliefs zeugen von ungebrochener Meisterschaft. Übrigens sind diese Reliefs durchaus praktikabel, denn sie bestehen aus Kunststoffmasse, die mit Polyester beschichtet und mit Kupfer-, Bronce- oder Silberfarben patiniert ist.
Heinz Thiel zur Ausstellung von Kurt Link, sds Entertainment GmbH in Hamburg, Juni 1993
Mit kraftvollen Gesten kommen die Farben auf die Leinwand. Sicher werden mit umschreibenden Bewegungen die Linien ins Blau der Ferne eingetaucht. Wenn nicht das dialogische Blau-Rot auf der Leinwand herrscht, dann werden viele Farben vorsichtig geschichtet bis sie ein irritierendes Licht ausstrahlen. So wird Tag und Nacht gemalt, ohne daß dem Betrachter ein naturalistischer Anstoß vorgegeben ist.

Die Bilder auf den großen Leinwänden sind frisch und harmonisch, und doch tragen sie ein Vibrieren in sich, das dem Betrachter zuweilen den Atem nimmt. Er fühlt die Wucht, die in Farben und Malakt verwoben ist.
Kurt Link ist ein vitaler Künstler mit expressivem Ausdruck. Das ist bereits ein Stück existentieller Aussage, wenn ein Mensch die Zeit der üblichen Lebensarbeit überschritten hat. Kurt Link ist 67 Jahre alt und lebt seit fünf Jahren in Zentralanatolien (Türkei). Sein Atelier ist ein großer Kinosaal oder die freie Natur. Reale und imaginäre Welten treffen sich in seiner Kunst. Gemälde, Reliefs und Skulpturen sind ein Teil des Lebensraums für Künstler und Betrachters aber zugleich sind auch die Kunstwerke ein Teil des Lebensraums für die Umwelt.
Kurt Link hat sich nicht in die Einöde des anatolischen Hochlandes geflüchtet; er ist vielmehr den Quellen der abendländischen Kultur wieder nahe gekommen. In den heute kargen Erosionslandschaften Anatoliens waren einst die Zentrum der frühen Christenheit und es scheint, als ob Dome und Labyrinthe im Fels immer noch von der Kraft des Denkens und Glaubens beseelt sind.
Die Sensibilität eines Künstlers erweist sich an seinem Umgang mit dem Vorbild - Kurt Link durchdringt;, was ihm vor Augen ist, er malt nicht ab. Dabei sind alle seine künstlerischen Arbeiten deutlich und sogar eindeutig am Gegenstand und am menschlichen Körper orientiert. Er lebt nicht sein Inneres aus, in dem er es 'informel1' auf die Leinwand überträgt» er spürt vielmehr der Lebendigkeit eines 'figürlichen wie eines natürlichen Gegenüber' nach und konkretisiert es in Farben und Formen.
Kurt Link ist ein erfahrener Künstler." Er hat Aufsehen erregt, wenn er sich der Öffentlichkeit geöffnet hat. Doch obwohl er als Bildhauer viel- für die Öffentlichkeit gearbeitet hat, hat er sich der Öffentlichkeit gern entzogen. Mit jeder Ausstellung muß man ihn wieder neu entdecken - und Galeristen haben bisher nicht den langen Atem aufbringen wollen, ihn kontinuierlich zu begleiten„ Kurt Link ist geprägt von den Erfahrungen des geistigen Zusammenbruchs und Neubeginns in den 40er Jahren. Er hat nach dem Krieg zusammen mit Joseph Beuys und Heerich an der Kunstakademie in Düsseldorf bei Ewald Matareé studiert. Kunst und Leben in einen Sinnzusammenhang zu bringen, ist Kurt Link vom Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit an selbstverständlich und vertraut. Künstlerische Moden haben Kurt Link nicht interessiert. Gerade deshalb ist er heute noch so aktuell.
Schwarz auf Weiß, Porträt, S. 22, 14. Dez. 2000

Kurt Link wurde 1926 in Köln geboren. Er hatte sieben Geschwister, sein Vater war Landwirt und Eierhändler. Nach dem Krieg begann Link, u.a. zusammen mit Joseph Beuys und Erwin Heerich, an der Kunstakademie Düsseldorf Malerei und Bildhauerei zu studieren. Von der Stadt Düsseldorf bekam er viele Aufträge für Skulpturen und Brunnenanlagen. Link gewann den Europapreis für Malerei der Stadt Ostende für Bilder, die er mit dem Schweißbrennermalte.Von mehreren Museen wurden Links Eisenskulpturen angekauft. Für die Ausstellung "Junger Westen" entwickelte er Sandreliefs, eine Kunstform, die er auch später neben Malerei und Skulptur kontinuierlich, jahrelang weiterverfolgte. Sehr interessant sind die Ideen und Konzepte, die Link im Bereich der Akademie und der i benachbarten Altstadt entwickelte, so z.B. "Die Basaltschlacht der Götter", "Der Gesang der Jünglinge im Feuerofen" (ein Konzept für Auschwitz, alle Öfen sollten wieder in Betrieb genommen und dort Skulpturen gebrannt werden, die dann in die ganze Welt verschickt werden sollten), "Feuer-Wasser-Vakuumpumpe", "Hölderlin- Worthüttenfest", "Klatschmohn im Bombentrichter" (für die Dokumenta in Kassel), "Osterlochschieben mit der Bundeswehr", "Kinderlieder als Keim einer neuen deutschenNationalhymne","Es waren zwei Königskinder...", "Taler, Taler du musst wandern...", "Konzertanter Kontinent" u.s.w.
Link war ein Mensch mit einer extremen Lebensführung, sein Leben war über weite Strecken eine Gratwanderung mit Sympathien für Abgründe nach oben und unten, die er auch auslebte. Er hatte die Fähigkeit "über die Mauer zu blicken", in eine andere Dimension einzutreten. Den Stadtvätern und "Düsseldorfer Jonges" war dieser Mensch irgendwann unverständlich, wenn nicht sogar unheimlich und so kam es, dass viele seine Arbeiten schätzten, aber dem Meister persönlich, hochgewachsen, mit feuerroten Haaren, auswichen und die Auftragswerke immer weniger wurden. 1987 kam Link mit seiner damaligen, dreißig Jahre jüngeren Lebensgefährtin das erste Mal in die Türkei, nach Kappadokien. Die erste Nacht wanderten sie bei Vollmond durch die Täler bei Göreme. Bei dem nächtlichen Licht hatten die Felsen das Aussehen hoher Gestalten und Dämonen. Link war fasziniert von dem Formenreichtum der Landschaft. "Wenn Henry Moore dies erlebt hätte", rief er aus, "dann hätte er sich sofort pensionieren lassen, oder er hätte Felsabgüsse angefertigt." Der Kontakt zu Kappadokien war inspirativ. 1988 kehrte Link mit seiner neun Monate alten Tochter und drei weiteren Kindern und Freunden in die Türkei zurück, um dort zu malen. Den Winter verbrachte er alleine in einem unterirdischen Atelier in Uchisar. Tagsüber machte er lange Wanderungen durch die Täler und Dörfer, auch bei Frost und Tiefschnee, und fertigte hunderte von Zeichnungen an, zum Teil mit Kohle, mit Farbstiften, aber auch mit einem Sud aus Tabak, Kaffee und schwarzem Tee. Diese Skizzen dienten ihm später als Vorlage zu grobformatigen Gemälden, die er in seiner "Tuff-Höhle schuf, und die er, auf einem Wasserrohr aufgerollt, mit nach Deutschland brachte.
1990 entschlossen sich Link, damals 64 Jahre alt, und seine Lebensgefährtin
mit den vier Kindern (inzwischen war noch eine Tochter geboren worden) ganz
nach Kappadokien auszuwandern. Sie erkannten die Landschaft als einen großen
Kindergarten, einen idealen Platz zu leben und zu arbeiten. Link baute in Kappadokien
eine "Malplantage" auf. Er plazierte in der Landschaft, in Gärten
und Felsräumen große Leinwände (2.10 x 1.70 m bzw. 1.85 x 1.85 m groß) und
besuchte sie täglich als blauer und grüner Reiter mit Farbe und Pinsel. Er
malte manchmal Tag und Nacht in einsamen Tälern. Es entstanden Bilder mit temperamentvollem
Farbauftrag, Zeichen und Runen. Am Ende sammelte Link die Gemälde ein, brachte
die Ernte nach Hause. Im alten verlassenen Dorf Cavuþin mietete er sich einen
großen Hof und verbrachte dort malend, unter Beobachtung der Adler, mit seiner
Familie die Sommer. Oft kamen Musiker zu Besuch und es entstanden Bildserien
unter Gitarren-, Cello- oder Trommelbegleitung. Link kannte Hunderte
von Gedichten auswendig, einen Schatz, den er sich als Soldat mit in den Krieg
genommen hatte. Einen Teil der Poesie ernannte er, ohne Angabe der Dichter,
zu kappadokischen Gesängen:

Auch Links Bildtitel sagen viel über seine Haltung zu Kappadokien aus: "Humianisation der Malerei, Bizeps Trizeps, Landschaft und animalische Zone, Tufftransformation. Landschaft im Europazustand, Geheimnis Inkarnat, Tuffdonna, Bergmutter."

Oft saß Link zeichnend vom Abend bis zum Morgen auf der Terrasse des Hauses. Es entstanden Serien über die Bewegungen der Sterne, Tusche und Wachs, "Schwarz Weiß. Schwarz auf Weiß, Schwarz auf kaum noch Weiß". In seinem Atelier in Uchisar fertigte Link aus verschiedenen Sandsorten große Reliefs an, die später im Museum für moderne Kunst in Ankara ausgestelltwurdenund in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut als "Gesandtschaften" um die Erde fliegen sollten, sollten.
Neben der Malerei arbeitet Link in Kappadokien mehrere Konzepte aus, u.a. eine Filmtrilogie: "Die Kappadokier", Teil 1: Hosianna Erosion und Meißelschlag, musikalisches Kernstück Edgar Varese. "Integral"; Teil 2: "Supernova", Textbildkern: Wo ein Begeisterter steht, da ist der Gipfel der Welt; Teil 3: "Der Bildhauerstaat", eine Utopie im Wirklichkeitsgewande der kappadokischen Landschaft und ihrer Einwohner, Skulpteure. und Dompteure".
Für die Dokumente in Kassel arbeitete Link während vieler Wochen, am mentalen Spektrum zum "TOROST", an den formalen Varianten, an Wahl und Durchführung und der Präsenz der Zeichen.
Schwierig war für Link und seine Familie die ständige Geldnot, keine Krankenkasse, keine regelmäßigen Einkünfte. In Istanbul und Ankara wurden mehrere Ausstellungen organisiert. Oft fuhr Link für Bildverkäufe nach Deutschland. Link war schwerer Asthmatiker. Die langen Winter in Kappadokien machten ihm schwer zu schaffen, das Leben auf engstem Raum um einen Ofen, die extreme Kälte, vereiste Wege, zugefrorene Wasserleitungen und Kanalisationsrohre, Einsamkeit, sowie hartnäckige Infektionen und Erkältungen. Link fuhr für mehrere Monate ins warme Ägypten und war danach in längerer ärztlicher Behandlung in Deutschland. Er starb vor fünf Jahren in der Weihnachtszeit. Seine Familie lebt weiterhin in Uchisar. In einem alten Haus kann man dort eine Ausstellung von Links Bildern und Sandreliefs anschauen. Empfohlen ist eine vorherige Anmeldung unter der Telefonnummer: 0384 - 219 21 72.